Prof. Ilse Middendorf hat ihr Lebenswerk, den „erfahrbaren Atem“ bis ins hohe Alter erforscht und in die Welt getragen. Ich durfte noch bei ihr persönlich lernen.
Der Atem ist ein Verbindungsglied zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein und damit ein Eingangstor ins implizite Gedächtnis.
Wir atmen meist unbewusst und außerdem autonom, das heißt ganz automatisch. Gleichzeitig können wir den Atem aber bewusst beeinflussen und wahrnehmen. Unser Leben startet und endet mit einem Atemzug. In vielen östlichen und auch westlichen Heilungsansätzen spielt daher der Atem eine große Rolle.
Der Atem ist wie keine andere Körperfunktion sehr eng mit allen physischen und psychischen Vorgängen im Menschen verbunden. Er steht im direkten Wechselspiel mit den Organen, dem Herz-Kreislauf-Systhem, der Sauerstoffversorgung und dem Großhirn und wirkt damit auch auf das emotionale Erleben.
Im Stammhirn sitzt das Atemzentrum (Formation Reticularis). Dort kommen alle Informationen aus dem Körper und dem Gehirn zusammen und der Atem reagiert auf jeden noch so kleinen Reiz von außen und von innen, so auch auf jedes Gefühl. Angst macht den Atem flach und kurz, Freude lässt den Atem expandieren und im Körper Raum einnehmen. Wir können lernen, diese Reaktionen des Atems bewusst wahrzunehmen. Dieses Empfindungsbewusstsein wirkt umgekehrt bis in die Tiefen der vegetativen und motorischen Steuerungsprozesse zurück.
Einzelbehandlung
Bei einer Einzelbehandlung handelt es sich nicht so sehr um eine symptomatische Behandlung, sondern eher um ein Gespräch. Ich nehme war, was mir das jeweilige System erzählt und reagiere darauf mit einem Angebot, auf das ich wiederum eine atmende Antwort erhalte, der mir Hinweise gibt, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Das besondere für mich selbst in dieser Erfahrung des Gehaltenseins ist, dass das Verbundensein mit meinem Atem ein sehr großes Gefühl von gesehen und gefühlt werden hinterlässt. Als wäre der Atem der direkte Zugang zu Herz und Seele. Tatsächlich beeinflusst der Atem direkt das Nervensystem. Sind wir in der Übererregung oder in der Untererregung schafft die Arbeit am Atem einen Eutonus, also eine mittlere Spannung, ein mittleres Erregungsniveau. Das autonome Nervensystem, der Parasympathikus reagiert und wir fühlen uns mit uns und der Welt verbundener. Somit ist für mich die Atemarbeit - in der wir wunderbar nachgenährt werden können - ein direkter Link zur Trauma und Bindungsarbeit.
Gruppenarbeit
In der “aktiven” Arbeit in der Gruppe arbeiten wir sitzend auf Hockern und stehend. Es geht darum, mit einfachen Bewegungsanregungen das Empfindungsbewusstsein für den Körper zu entwickeln und die Atembewegung im Körper wahrzunehmen. Später folgen Bewegungen aus dem Atem, das heißt der Atem führt uns in freie Bewegungen. Es gibt kein Richtig oder Falsch, sondern nur das eigene, für jede(n) individuell stimmige Maß an Bewegung, den eigenen Rhythmus und die eigene Richtung der Bewegung. In der Gruppe lässt sich die Erfahrung machen, bei sich zu bleiben, anstatt sich an die anderen anzupassen.